Posts mit dem Label Politik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Politik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 29. September 2011

Die europäische Frage

Normalerweise spare ich mir hier ja politische Kommentare, und ich will auch nicht jetzt all die Argumente und Risiken zum Beschluss des EFSF wiederholen…

Aber ich denke, wir stehen tatsächlich an einem bedeutenden Wegepunkt der Geschichte.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Kind mit meinen Eltern regelmäßig rüber ins Elsass gefahren bin, weil sie so gerne Flammkuchen mochten. Manchmal ging es ganz fix durch den Grenzposten durch, manchmal standen wir aber auch ewig da bis unser Kofferraum durchsucht war. Wir hatten eine separate Brieftasche für Franc, die immer auf Vorrat aufgefüllt wurde, weil regelmäßiges Tauschen zu teuer gewesen wäre.

Ich kann mich an die Grundschule erinnern, wo erstmals Schüleraustausche mit Frankreich organisiert wurden. Zugegeben: mit zweifelhaftem Erfolg, aber ich weiß noch wie “anders” die Welt jenseits der Grenze auf mich wirkte.

Ich muss an die Geschichten meines Vaters denken, wie in den 60ern die ersten Pizzerien in Deutschland eröffnet haben, und wie es was ganz besonderes war wenn man dort “exotisch” essen ging. Und wie man mühsam sein Geld gespart hat, um erst nach Italien und einige Zeit später mal nach Griechenland in den Urlaub zu können.

 

Ich höre heute immer wieder das Argument: “Europa ist nichts anderes als eine Geldverteilungsmaschine. Die Staaten haben sonst nichts miteinander gemeinsam.”
Schon komisch, wie schnell manche Dinge selbstverständlich werden können.

Ich finde, dass überhaupt heute so hitzig und leidenschaftlich darüber gestritten wird ob und wie man den griechischen Staat retten will, und welche Auswirkungen das auf die Menschen dort und im restlichen Europa hat, ist ein enormer Fortschritt. Vor wenigen Jahren wäre das nicht mal eine Schlagzeile wert gewesen.
Natürlich ist dieses Interesse nicht ganz uneigennützig, aber ist trotzdem erstaunlich wie sich Europa seit Fall des eisernen Vorhangs verändert hat.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Rückblick 2010 – Die Welt da draußen

Ich fand 2010 ein enorm spannendes Jahr. Nicht weil sich so viel verändert hätte… sondern weil es viele Ereignisse gab, die einen dazu bewegten – ja, geradezu zwangen – sich zu entscheiden, auf welcher Seite man stehen möchte.

Die europäische Frage

Klar: die Wirtschaftskrise in 2009 ging auch viele Menschen sehr direkt etwas an. Aber das ist eigentlich nichts worüber es sich zu diskutieren lohnt: Krisen sind immer schlecht. Man kann darüber diskutieren wer die Schuldigen waren, aber es gibt kein Für und Wider.
Ganz anders in der Griechenland- und später Irland-Krise. Die zentrale Frage letztendlich ist: wollen wir unseren Nachbarstaaten in Krisenzeiten helfen, oder nicht? Ist es überhaupt sinnvoll sich so helfen zu lassen, oder beißt man die Zähne zusammen und schafft es aus eigener Kraft wieder raus? Klar: bei einer Flut schleppt man immer gerne Sandsäcke, aber ist man auch bereit, finanziell für den anderen den Kopf hinzuhalten? Das ist für uns für Deutsche eine ganz existenzielle Frage, weil unser Wohlstand nun mal langfristig auch darauf zurückgeht, dass wir die meisten unserer Produkte in die restlichen EU Staaten verkaufen.
Die Frage hat sich mittlerweile nahezu selbst beantwortet. Auf Arbeit nennen wir so was spaßhaft “die normative Kraft des Faktischen”: es wird zum Gesetz, was eh schon die Regel ist. Ob Euro oder nicht, ob EU Ministerien oder nicht: in Europa sitzen wir letztendlich doch alle in einem Boot. Das hat die Finanzkrise unmissverständlich klar gemacht.

Die Protestwelle

Es gab ja nicht nur die Castortransporte und Stuttgart21, wo massenweise die Menschen auf die Straße gegangen sind. Egal ob irgendwelche Lohnkürzungen oder Bauprojekte: es scheint so, als wären die Menschen nicht nur wütend, sondern sehen den offenen Protest auch als sinnvolles politisches Mittel. Das war vorher nicht so: da haben sich auch viele aufgeregt, aber es hat keine solche Eigendynamik bekommen.
Natürlich wird da viel politisch instrumentalisiert. Aber ich kann aus eigenem Eindruck sagen: die Grünen z.B. sind natürlich gerne auf diesen Zug aufgesprungen, aber sie haben ihn nicht gestartet. Die haben teilweise erst viele Wochen zu spät überhaupt begriffen, dass man da ja vielleicht mitmachen sollte.
So gesehen ist es schon merkwürdig, was da draußen passiert. Ist es nur ein Strohfeuer? Wächst hier eine neue Form von Basisdemokratie, oder gar eine neue Form der gegenseitigen Totalblockade? So oder so: man kommt heute kaum darum herum, eine Meinung zu haben, und diese auch zu verteidigen.

Klimagipfel von Cancún

Es ist eigentlich nur eine Randnotiz dieses Gipfels, die wohl kaum einem aufgefallen ist. Und doch wird sie wohl in den Geschichtsbüchern stehen: dies ist der erste UN Gipfel, wo ein internationales Papier ausgehandelt wurde, ohne dass alle Staaten zugestimmt hätten. Normalerweise müssen alle großen UN Beschlüsse einstimmig sein – weltweit. Diesmal gab es eine Gegenstimme von Bolivien, die aber schlicht von der mexikanischen Außenministerin ignoriert wurde – und auch sonst von der gesamten Staatengemeinschaft. Was sich nach einer Bagatelle anhört, ist die diplomatisch dramatischste Veränderung in der UN seit dem zweiten Weltkrieg. Frei nach dem Motto: es gibt wichtigeres als staatliche Einzelinteressen. Wo gehobelt wird, fallen Späne.
Das hat natürlich gute wie schlechte Konsequenzen, aber es ist ein wichtiger Schritt hin zu der Erkenntnis, dass wir es hier mit ernsten globalen Problemen zu tun haben, die wichtiger sind als jedes diplomatische Protokoll. Der Gipfel selbst war vielleicht kein besonderer Erfolg, aber Espinosas Engagement wird definitiv Geschichte schreiben.

WikiLeaks

Natürlich gab es schon vor WikiLeaks große Enthüllungsgeschichten. Interessanter als die (wenig überraschenden) Erkenntnisse aus den Irak-Krieg Protokollen und Diplomatendepeschen fand ich die Reaktion auf WikiLeaks: dieser krampfhafte Beißreflex, dieser völlig unreflektierte Umgang mit der Öffentlichkeit – und wie kläglich das US-Außenministerium im Endeffekt bei der Eindämmung versagt hat.
Ich habe schon das letzte Jahr darüber fabuliert, wie politische Interessen sich in Zukunft vor allem über das Internet organisieren werden – hier haben wir ein Beispiel dafür, wie so etwas eskalieren kann. Unglaublich, was da von angeblich zivilisierten Menschen gehört hat: Julian Assange soll lebenslang bekommen, am besten die Todesstrafe für Hochverrat.
Man muss den Vandalismus von der “Anonymous” Gruppe nicht gut finden, aber ich musste schon schmunzeln, mit welcher Leichtigkeit hier alle politischen und wirtschaftlichen Schwergewichte abgewatscht wurden. Wem es bis heute nicht klar war, sollte es jetzt gelernt haben: das Internet vergisst nicht. Zumindest nicht die unterhaltsamen Dinge.

Das waren also ein paar Punkte, die mir 2010 besonders hängen geblieben sind, und die – in ihrer eigenen Art – alle irgendwie eine Form von Meilenstein darstellen. Viele Nachrichten wiederholen sich jedes Jahr: Naturkatastrophen, politische Skandale, Stars und Sternchen… aber es gibt wenige Ereignisse, wo man von einem “Bruch” in der Geschichte sprechen kann, von einem neuen Zeitalter. Momente, wo man das Gefühl hat dass die Spielregeln leicht geändert wurden. Ich glaube, dass 2010 so ein markantes Datum war.

Mittwoch, 10. November 2010

Parteiendemokratie

Seit ein, zwei Jahren beschäftige ich mich ungewöhnlich intensiv mit Politik. Ich hatte zwar schon immer ein Interesse daran, aber mehr hobbyweise. Ich habe zur Kenntnis genommen was da so passiert, aber ich fand es nie besonders wichtig.

Keine Ahnung was sich geändert hat. Vielleicht waren es Projekte wie Stuttgart 21, vielleicht war es die letzte Bundestagswahl. Vielleicht war es das Kantinenessen was mir vor Augen geführt hat, dass das Leben eben nicht nur aus Geld verdienen und Ausgeben besteht – dass es bestimmte Dinge im Leben gibt die man mit Geld eben nicht beeinflussen kann, sondern als Gesellschaft als Ganzes. Deshalb habe ich mich vor einigen Monaten entschlossen, den Grünen beizutreten.

Ich habe letzte Woche im Forum eine ziemlich hitzige Diskussion mit einigen Schweizern über das Für und Wider direkter Demokratie geführt. Ich hatte da eine dieser Eingebungen, die ich versuchen will hier zusammenzufassen:

Wahlen sind nicht dazu da, Entscheidungen zu treffen. Ein Entscheidungsprozess lässt sich nicht einfach auf “Ja” oder “Nein” runterdestillieren. Die fachliche und gesellschaftliche Diskussion muss vorher passiert sein. Wahlen dienen nicht dazu, Entscheidungen zu treffen, sondern bereits gefällte Entscheidungen zu legitimieren. Es ist nicht mehr als eine Rückversicherung, dass die Mehrheit der Menschen immer noch die Politik wahrnimmt.

Die wirklichen Detailfragen dagegen, die beginnen auf der Straße, und wachsen in den Parteien. In Deutschland sind wir eine Parteiendemokratie: bevor eine Partei einen Kanzlerkandidaten stellt, musste der sich in jahrelangen Kämpfen genügend Rückhalt innerhalb der eigenen Partei sichern, um so hoch zu kommen. Das funktioniert nur, wenn in der Partei genügend Menschen existieren die der selben Meinung sind.

Wenn wir den Politikern Führungsschwäche und fehlende Volksnähe vorwerfen, dann liegt das vor allem daran dass die klassischen Parteien am Zerbrechen sind. Die Identifikation fehlt, immer mehr Menschen verzichten auf ihr Parteibuch. So wie eine kaputte Firma keine Spitzenkräfte anzieht, bleiben die wirklich guten Fachkräfte auch heute der Politik fern. Ein Teufelskreis, der so lange nach unten zeigt bis sich die Parteibasis stabilisiert.

Das ist ein gefährlicher Trend – viel tiefgreifender als die täglichen politischen Plänkeleien. Es werden Jahrzehnte vergehen, bis wir in Deutschland diese Basis, diesen gesamtgesellschaftlichen Konsens wieder haben.

Sonntag, 26. September 2010

Die letzten Königreiche

Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen namens “The Seven Day Weekend” von Ricardo Semler. Darin geht es vor allem viel um Personalführung, und warum mehr Freiheit für den Mitarbeiter sich auch für die Firma auszahlt… am spannendsten fand ich aber, wie dort Entscheidungen getroffen werden: nämlich ganz demokratisch. Das fängt schon damit an, dass Mitarbeiter ihren eigenen Chef per Abstimmung wählen, und regelmäßig beurteilen.

Why do we demand and go to war for democracy as nations, yet accept with docility that no one has the right to choose their own boss? (Ricardo Semler)

Mag natürlich sein, dass einiges in dem Buch übertrieben ist. Und selbst wenn nicht, dürften diese Grundsätze nur für sehr spezielle Firmen überhaupt machbar sein. Trotzdem: das Buch hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Eigentlich geht es dort mehr als nur um das Berufsleben – es geht darum, wozu Demokratie eigentlich da ist.

Es geht darum, Menschen zum Denken zu animieren. Wenn jeder sagt was er denkt, wird da regelmäßig viel Mist herauskommen, und in den wenigsten Fällen wird man zu einer Entscheidung kommen. Demokratien haben den Ruf, träge zu sein.

Aber was ist die Alternative? Einer sagt was gemacht wird, und die Untergebenen nicken und gehorchen. So kann man Entscheidungen schnell und unkompliziert umsetzen, aber zu welchem Preis? Unbequeme Meinungen enthalten auch immer ein Körnchen Wahrheit, und 1000 Menschen wissen gemeinsam einfach mehr als nur eine Hand voll – ganz besonders dann, wenn sie aus sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten stammen.

Genau so funktionieren heute große Firmen oder Institute: Es gibt einen Geschäftsführer (der “König”), den Vorstand (seine “Grafen”), und darunter in absteigender Folge die Barone, Bürger und letztendlich das Fußvolk. Es gibt Firmen mit flachen Hierarchien, aber keine (zumindest mir bekannte) Geschäftsleitung versteht sich selbst als Repräsentation aller Mitarbeiter, sondern eben als dessen Führung. So gesehen sind die heutigen Großkonzerne die letzten großen Königreiche in Deutschland.

Das ist per se erstmal noch nicht schlecht. Das Problem ist, dass monolithische Strukturen dazu neigen, sich in Details zu verzetteln – weil die Spitze im Endeffekt alle Entscheidungen treffen muss. Und sie neigt dazu, um jeden Preis entscheiden und verändern zu müssen, selbst dann wenn es gerade nichts zu verbessern gibt.

Why do we continuously look for saviours and heroes to lead us? (Ricardo Semler)

Das ist die wahre Stärke der Demokratie: auch einfach mal nichts zu tun, und die Weisheit der Masse respektieren. Wenn die Hälfte dafür und die Hälfte dagegen ist, gibt es dafür wahrscheinlich einen guten Grund. Dann sind die Folgen nicht absehbar, die Vorteile nicht greifbar genug. Dann tut man eben lieber nichts. Es bringt im Endeffekt nichts, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden, ohne dass die meisten Betroffenen sich damit identifizieren können. Das gilt in der Firma genauso: will ich wirklich ein Produkt verkaufen, von dem ich nicht mal meine eigene Belegschaft überzeugen kann?

Wie gesagt: das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht. Wir leben zwar formal in einer Demokratie, aber ich glaube wir haben noch alle viel zu lernen, was das wirklich bedeutet.

Samstag, 20. Februar 2010

2020

Wir schreiben das Jahr 2010… ehrlich? Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich weder fliegende Autos noch Roboter die für mich die Einkäufe erledigen. Haben wir so vor zehn Jahren uns die Zukunft vorgestellt?

Offenbar ist das mit Zukunftsprognosen so eine Sache. Wir neigen dazu, uns die Zukunft als größer, schneller und einfach mehr vorzustellen als unsere Gegenwart. Ich dachte, ich versuche mich mal an meiner ganz eigenen Zukunftsprognose für das Jahr 2020.

Was werden wir die nächsten zehn Jahre zu sehen bekommen? Erstmal die offensichtlichen Trends: Biotechnologie – insbesondere Genetisches Engineering – wird eine ähnlich rasante Entwicklung nehmen wir vor 20 Jahren die Informatik. Es wird eine Weile dauern bis man versteht, wie tiefgreifend das sein wird. Das erste was wir wahrscheinlich sehen werden, sind organische Kraftstoffe, das nächste wird wohl die somatische Gentherapie sein – die auch schon heute erfolgreich eingesetzt wird.

Politisch sehe ich die größte Veränderung im Internet. So allmählich wird das Internet nicht nur als Werbeplattform genutzt, sondern aktiv von Lobbygruppen und politischen Parteien. Die Piraten und Online Petitionen sind nur das erste Anzeichen dafür, dass die öffentliche Meinung mehr und mehr im Internet diskutiert und geformt wird.

Was den Umweltschutz angeht: das Zwei Grad Ziel werden wir selbstverständlich verfehlen. Das ist schon heute unhaltbar.

Zur Wirtschaft: mein Eindruck ist, dass man die Trägheit von Wirtschaftssystemen gar nicht hoch genug einschätzen kann. Uns werden wohl auch in zehn Jahren immer noch die selben Probleme drücken wie heute: Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, teure Rohstoffe, Energieknappheit, Erderwärmung, rechtliche Lücken… ich glaube, dass all das lösbar ist – aber nicht in den nächsten Jahren. Das wird mehr Zeit brauchen, bis sich die Lage wieder entspannt.

Wo wir gerade bei Dingen sind die sich nicht ändern werden: die großen Sprünge bei der Computerhardware sind vorbei. Die Zeiten, in denen sich jedes Jahr die Rechnerleistung verdoppelt, geht ihrem Ende zu. Wir werden im Bereich Software noch jede Menge Überraschungen überleben – aber in erster Linie, weil wir lernen werden besser unseren Computer zu nutzen, und nicht weil er stetig schneller wird.

Religion und Glauben: ich persönlich würde mir ja ein neues Zeitalter des Humanismus und ein starkes Selbstbewusstsein des Atheismus wünschen, aber das wird nicht passieren. Die modernen social Networks dienen in erster Linie als Katalysator: Menschen finden genau die Informationen, die sie in dem bestätigen was sie ohnehin schon glauben. Die Flut an Informationen macht es praktisch unmöglich, zwischen Realität und Fiktion noch zu unterscheiden – und im Endeffekt auch unwichtig. Wahr ist, was gefällt. Und bei all den Problemen in der Welt ist kaum noch Platz für komplexe Antworten.

Jetzt zu den weniger offensichtlichen Prognosen:
In zehn Jahren wird jeder Mensch Videospiele spielen. Und mit “jeder” meine ich: 80% oder mehr. Der Erfolg der Casual- und Social Games (siehe Farmville auf Facebook) ist gewaltig. Und damit werden sie zum wichtigsten Kulturmedium überhaupt werden – noch verbreiteter und bedeutender als Fernsehen und Bücher. Die meisten Menschen nehmen heute Spiele als Zeitvertreib wahr, und nicht etwa als Medium, was eine völlig neue Erzählform darstellt. Ein anderes junges Medium hatte das selbe Problem, und hat nach vielen Jahrzehnten es auch endlich zur Anerkennung geschafft – nämlich das Comic.

Noch eine Prognose: wir werden mehr ortsgebunden sein als heute. Es werden weniger Leute ein Auto haben, es werden immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen, wir werden seltener fliegen, und wir werden unseren Freundes- und Bekanntenkreis wieder mehr in unserer unmittelbaren Nähe haben. Paradox: Internet und Telefon haben die Welt zum globalen Dorf gemacht, aber echte Mobilität werden sich wohl immer weniger Menschen leisten können. Ich fürchte, dieser Trend ist durch die Energiekrise unausweichlich, zumindest mittelfristig.

Wir werden in Zukunft weniger in Stahl und Beton wohnen, als in Holz und Glas. Das ist billiger, gesünder und leichter zu klimatisieren. Wir werden vermutlich deutlich weniger arbeiten – zu geringerem Geld, versteht sich. 30 Stunden Woche ist ja heute schon im Gespräch. Wir werden wohl insbesondere in Deutschland immer weniger Fernsehen – zumindest das klassische Fernsehen ist am Sterben, die Enthusiasten werden vorwiegend Video on Demand nutzen.

Und natürlich wird irgendeine Kleinigkeit unser Leben grundlegend verändern, die sich momentan noch kein Mensch auch nur annähernd vorstellen kann – so wie das Handy.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Fazit 2009

Da ich für die nächste Woche keine umwälzenden Neuigkeiten erwarte, mache ich hiermit mal meinen Jahresrückblick 2009…

Erst mal die berufliche Seite: die hat mich dieses Jahr besonders beschäftigt. Viel Stress, viel Chaos, viel alltäglicher Wahnsinn. Mit einigen Erfolgsmomenten zum Jahresende hin, und etwas mehr Entspannung… ich hoffe, das setzt sich nächstes Jahr fort. Diesmal habe ich auch gemerkt, wo meine Grenzen liegen, und dass mir die 45 Stunden auf Dauer doch arg zugesetzt haben. So gesehen bin ich froh, dass ich mittlerweile deutlich weniger arbeite.

Privat war 2009 ein ungewöhnliches Jahr. Zuallererst: ich hab im Januar eine Frau kennengelernt, die ich unheimlich gern habe. Wenn wir zusammensitzen, habe ich das Gefühl als wäre das völlig selbstverständlich, und wir wären schon seit frühen Schulzeiten die besten Kumpels. Wenn du das hier liest: danke, dass du für mich da bist!

Ansonsten das typische, sich jährlich wiederholende Gefühlschaos: hier verliebt, da enttäuscht, wiedermal unheimlich peinliche Dinge getan, wiedermal nur Sachen gefunden von denen man gar nicht wusste dass man sie suchen sollte…

Und Abschiede. Mit meinem 28ten Geburtstag habe ich auch den SMJG Stammtisch verlassen, weil ich somit über die Altersgrenze rutsche. Ja, ich hab mit BDSM zu tun, und es ist bezeichnend dass ich darüber wie selbstverständlich rede wie ich den Stammtisch verlasse, aber nicht wie ich ihn betreten habe. Die letzten drei Jahre dort waren für mich ungeheuer wichtig, und haben mir geholfen mit mir selbst deutlich besser im Einklang zu leben. Das einzige was ich schade finde, ist dass ich auf persönlicher Ebene auf dem Stammtisch (fast) nichts mitnehme. Es schmerzt ein bisschen, dass mich niemand auf dem Stammtisch vermissen wird. Aber gut, auch das war eine wertvolle Erkenntnis: auch da liegt nicht wirklich mein Glück.

Ich hab vor ein paar Tagen mal alte E-Mails gewälzt… Briefwechsel mit einer Klassenkameradin, und ein paar andere Schriftstücke, die schon mehrere Jahre alt sind. Teilweise ist es schon erstaunlich, wie wenig sich geändert hat: der selbe Kummer, die selben Freuden.

Trotzdem ist dieses Jahr irgendwie anders. Ich bin zum Beispiel zum ersten Mal in meinem Leben richtig eifersüchtig, und ich wurde zweimal tief gekränkt. Das klingt erstmal nicht so positiv, aber ich glaube, dass ich Ärger nicht mehr so leicht runterschlucke wie früher, und dass ich meinen Gefühlen eher freien Lauf lasse. Vielleicht hat mir das vorher gefehlt, vielleicht ist man es den Menschen die man mag auch manchmal schuldig, dass man ihr Verhalten scheiße findet. Auch da hat mich meine neue, gute Freundin einen wichtigen Satz gelehrt: “Lache bitte niemals über meine Witze, nur weil ich eine Frau bin.” Da steckt viel dahinter, was mir anfangs gar nicht so bewusst war.

Ich hab keine Ahnung, ob ich wirklich klüger, oder wenigstens anders, aus dem Jahr 2009 rausgehe wie aus dem Jahr 2008. Vielleicht eine Spur gelassener.

Zum Abschluss noch ein kurzer Kommentar zur Politik: wenn uns eins das Jahr 2009 gelehrt hat, dann dass es unheimlich schwer ist, dazuzulernen. Die Finanzkrise ist über uns hinweggefegt ohne dass jemand wirklich was draus gelernt hätte, und der Weltklimagipfel in Kopenhagen genauso. Und was für die Diplomaten und Manager dieser Welt gilt, gilt genauso für jeden von uns: sich selbst wirklich zu ändern, selbst in kleinen Schritten, ist viel anstrengender als man es sich vorstellt.

Dienstag, 23. Juni 2009

Krieg der Bilder

Jeden morgen nehme ich mir auf Arbeit ein paar Minuten Zeit, um die aktuellsten Nachrichten aus Iran zu verfolgen. Und es ist schon erstaunlich, wie ein einziges Bild, ein paar Sekunden Film heute härter und tiefer ins Bewusstsein einer Nation einschlagen können als eine Bombe. Ich habe die iranischen Demonstrationen für völlig chancenlos gehalten – bis etwa vor drei Tagen.

Richtig bewusst geworden ist mir das erstmals im zweiten Irak Krieg. Damals waren es die Aufnahmen einer GI-Leiche, die von irakischen Aufständischen durch die Straßen geschleift wurden.

Das muss die amerikanische Bevölkerung getroffen haben wie ein Blitzschlag: wir sind verletzlich.
Der zweite Schlag kam wenig später mit Abu Ghureib, und nochmal etwas später mit den Videos von irakischen Heckenschützen (die propagandistisch klever zu einer einzelnen Heldenfigur verschmolzen wurden).

So zynisch es ist, aber dem Iranischen Protest hätte vermutlich nichts besseres passieren können, als eine junge Frau die vor laufender Videokamera stirbt.
Ich hab das Video mir angeschaut, und es gräbt sich tief ins Gedächtnis ein, weil es erstens mal so unvorstellbar real ist, und zum anderen ein perfektes Sinnbild dafür ist worum es in den Protesten geht.

Ich hoffe natürlich, dass dies die Wende bringen wird für das iranische Volk… aber irgendwie komme ich um die Frage nicht herum: was wäre gewesen, wenn nicht gerade jemand zufällig diesen Moment mit der Handykamera aufgenommen hätte? Wäre der iranische Protest still und heimlich niedergeschlagen worden? Und hätten so viele Menschen das Video gesehen wenn es YouTube nicht gäbe?

Eine merkwürdige Zeit ist das, in der eine Handykamera entscheidend für die Zukunft eines Volkes sein kann.