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Samstag, 24. Dezember 2011

2011 – Berufung gefunden (?!)

Nun also eine kurze Reflexion über mein Berufsleben…

2011 war beruflich gesehen für mich ein gutes Jahr. Ich hab oft über die Arbeit gelästert, hatte vor ein paar Jahren sogar einen Firmenwechsel erwogen, aber daran denke ich heute nicht mehr.

Das Arbeitsklima ist sehr gut, und die Arbeitszeiten sind sehr fair. Und was noch viel wichtiger ist: ich hab so langsam das Gefühl, wirklich wie ein Profi zu arbeiten. Ich hab nach dem Studium oft den mangelnden akademischen Anspruch vermisst, aber so allmählich finde ich ihn wieder. Wir machen endlich mehr als nur Frickelarbeit. Wir haben erstmals abteilungsübergreifenden Kontakt etabliert, und ich bekomm ganz allgemein das Gefühl dass die “Reformer” in der Firma so ganz allmählich – Stück für Stück – Oberwasser bekommen.

Wir haben auch einige strukturelle Veränderungen, die wohl langfristig den Karlsruher Standort stärken werden. Kurz: ich bin zufrieden. Es ist immer noch anstrengend und frustrierend, vor allem weil auf dem Projekt rumgeritten wird wie auf einem toten Gaul, aber ich hab unheimlich viel in dem Jahr gelernt.

Meine Vermutung ist: irgendwann in den nächsten ein, zwei Jahren wird das Projekt (zumindest für mich) enden, und das ist dann meine Chance mich für eine bessere Stelle zu empfehlen. Man wird sehen, aber zumindest beruflich mache ich mir derzeit überhaupt keine Sorgen.

Sonntag, 26. September 2010

Die letzten Königreiche

Ich habe vor kurzem ein Buch gelesen namens “The Seven Day Weekend” von Ricardo Semler. Darin geht es vor allem viel um Personalführung, und warum mehr Freiheit für den Mitarbeiter sich auch für die Firma auszahlt… am spannendsten fand ich aber, wie dort Entscheidungen getroffen werden: nämlich ganz demokratisch. Das fängt schon damit an, dass Mitarbeiter ihren eigenen Chef per Abstimmung wählen, und regelmäßig beurteilen.

Why do we demand and go to war for democracy as nations, yet accept with docility that no one has the right to choose their own boss? (Ricardo Semler)

Mag natürlich sein, dass einiges in dem Buch übertrieben ist. Und selbst wenn nicht, dürften diese Grundsätze nur für sehr spezielle Firmen überhaupt machbar sein. Trotzdem: das Buch hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Eigentlich geht es dort mehr als nur um das Berufsleben – es geht darum, wozu Demokratie eigentlich da ist.

Es geht darum, Menschen zum Denken zu animieren. Wenn jeder sagt was er denkt, wird da regelmäßig viel Mist herauskommen, und in den wenigsten Fällen wird man zu einer Entscheidung kommen. Demokratien haben den Ruf, träge zu sein.

Aber was ist die Alternative? Einer sagt was gemacht wird, und die Untergebenen nicken und gehorchen. So kann man Entscheidungen schnell und unkompliziert umsetzen, aber zu welchem Preis? Unbequeme Meinungen enthalten auch immer ein Körnchen Wahrheit, und 1000 Menschen wissen gemeinsam einfach mehr als nur eine Hand voll – ganz besonders dann, wenn sie aus sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten stammen.

Genau so funktionieren heute große Firmen oder Institute: Es gibt einen Geschäftsführer (der “König”), den Vorstand (seine “Grafen”), und darunter in absteigender Folge die Barone, Bürger und letztendlich das Fußvolk. Es gibt Firmen mit flachen Hierarchien, aber keine (zumindest mir bekannte) Geschäftsleitung versteht sich selbst als Repräsentation aller Mitarbeiter, sondern eben als dessen Führung. So gesehen sind die heutigen Großkonzerne die letzten großen Königreiche in Deutschland.

Das ist per se erstmal noch nicht schlecht. Das Problem ist, dass monolithische Strukturen dazu neigen, sich in Details zu verzetteln – weil die Spitze im Endeffekt alle Entscheidungen treffen muss. Und sie neigt dazu, um jeden Preis entscheiden und verändern zu müssen, selbst dann wenn es gerade nichts zu verbessern gibt.

Why do we continuously look for saviours and heroes to lead us? (Ricardo Semler)

Das ist die wahre Stärke der Demokratie: auch einfach mal nichts zu tun, und die Weisheit der Masse respektieren. Wenn die Hälfte dafür und die Hälfte dagegen ist, gibt es dafür wahrscheinlich einen guten Grund. Dann sind die Folgen nicht absehbar, die Vorteile nicht greifbar genug. Dann tut man eben lieber nichts. Es bringt im Endeffekt nichts, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden, ohne dass die meisten Betroffenen sich damit identifizieren können. Das gilt in der Firma genauso: will ich wirklich ein Produkt verkaufen, von dem ich nicht mal meine eigene Belegschaft überzeugen kann?

Wie gesagt: das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht. Wir leben zwar formal in einer Demokratie, aber ich glaube wir haben noch alle viel zu lernen, was das wirklich bedeutet.

Samstag, 20. Februar 2010

2020

Wir schreiben das Jahr 2010… ehrlich? Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich weder fliegende Autos noch Roboter die für mich die Einkäufe erledigen. Haben wir so vor zehn Jahren uns die Zukunft vorgestellt?

Offenbar ist das mit Zukunftsprognosen so eine Sache. Wir neigen dazu, uns die Zukunft als größer, schneller und einfach mehr vorzustellen als unsere Gegenwart. Ich dachte, ich versuche mich mal an meiner ganz eigenen Zukunftsprognose für das Jahr 2020.

Was werden wir die nächsten zehn Jahre zu sehen bekommen? Erstmal die offensichtlichen Trends: Biotechnologie – insbesondere Genetisches Engineering – wird eine ähnlich rasante Entwicklung nehmen wir vor 20 Jahren die Informatik. Es wird eine Weile dauern bis man versteht, wie tiefgreifend das sein wird. Das erste was wir wahrscheinlich sehen werden, sind organische Kraftstoffe, das nächste wird wohl die somatische Gentherapie sein – die auch schon heute erfolgreich eingesetzt wird.

Politisch sehe ich die größte Veränderung im Internet. So allmählich wird das Internet nicht nur als Werbeplattform genutzt, sondern aktiv von Lobbygruppen und politischen Parteien. Die Piraten und Online Petitionen sind nur das erste Anzeichen dafür, dass die öffentliche Meinung mehr und mehr im Internet diskutiert und geformt wird.

Was den Umweltschutz angeht: das Zwei Grad Ziel werden wir selbstverständlich verfehlen. Das ist schon heute unhaltbar.

Zur Wirtschaft: mein Eindruck ist, dass man die Trägheit von Wirtschaftssystemen gar nicht hoch genug einschätzen kann. Uns werden wohl auch in zehn Jahren immer noch die selben Probleme drücken wie heute: Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, teure Rohstoffe, Energieknappheit, Erderwärmung, rechtliche Lücken… ich glaube, dass all das lösbar ist – aber nicht in den nächsten Jahren. Das wird mehr Zeit brauchen, bis sich die Lage wieder entspannt.

Wo wir gerade bei Dingen sind die sich nicht ändern werden: die großen Sprünge bei der Computerhardware sind vorbei. Die Zeiten, in denen sich jedes Jahr die Rechnerleistung verdoppelt, geht ihrem Ende zu. Wir werden im Bereich Software noch jede Menge Überraschungen überleben – aber in erster Linie, weil wir lernen werden besser unseren Computer zu nutzen, und nicht weil er stetig schneller wird.

Religion und Glauben: ich persönlich würde mir ja ein neues Zeitalter des Humanismus und ein starkes Selbstbewusstsein des Atheismus wünschen, aber das wird nicht passieren. Die modernen social Networks dienen in erster Linie als Katalysator: Menschen finden genau die Informationen, die sie in dem bestätigen was sie ohnehin schon glauben. Die Flut an Informationen macht es praktisch unmöglich, zwischen Realität und Fiktion noch zu unterscheiden – und im Endeffekt auch unwichtig. Wahr ist, was gefällt. Und bei all den Problemen in der Welt ist kaum noch Platz für komplexe Antworten.

Jetzt zu den weniger offensichtlichen Prognosen:
In zehn Jahren wird jeder Mensch Videospiele spielen. Und mit “jeder” meine ich: 80% oder mehr. Der Erfolg der Casual- und Social Games (siehe Farmville auf Facebook) ist gewaltig. Und damit werden sie zum wichtigsten Kulturmedium überhaupt werden – noch verbreiteter und bedeutender als Fernsehen und Bücher. Die meisten Menschen nehmen heute Spiele als Zeitvertreib wahr, und nicht etwa als Medium, was eine völlig neue Erzählform darstellt. Ein anderes junges Medium hatte das selbe Problem, und hat nach vielen Jahrzehnten es auch endlich zur Anerkennung geschafft – nämlich das Comic.

Noch eine Prognose: wir werden mehr ortsgebunden sein als heute. Es werden weniger Leute ein Auto haben, es werden immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen, wir werden seltener fliegen, und wir werden unseren Freundes- und Bekanntenkreis wieder mehr in unserer unmittelbaren Nähe haben. Paradox: Internet und Telefon haben die Welt zum globalen Dorf gemacht, aber echte Mobilität werden sich wohl immer weniger Menschen leisten können. Ich fürchte, dieser Trend ist durch die Energiekrise unausweichlich, zumindest mittelfristig.

Wir werden in Zukunft weniger in Stahl und Beton wohnen, als in Holz und Glas. Das ist billiger, gesünder und leichter zu klimatisieren. Wir werden vermutlich deutlich weniger arbeiten – zu geringerem Geld, versteht sich. 30 Stunden Woche ist ja heute schon im Gespräch. Wir werden wohl insbesondere in Deutschland immer weniger Fernsehen – zumindest das klassische Fernsehen ist am Sterben, die Enthusiasten werden vorwiegend Video on Demand nutzen.

Und natürlich wird irgendeine Kleinigkeit unser Leben grundlegend verändern, die sich momentan noch kein Mensch auch nur annähernd vorstellen kann – so wie das Handy.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Fazit 2009

Da ich für die nächste Woche keine umwälzenden Neuigkeiten erwarte, mache ich hiermit mal meinen Jahresrückblick 2009…

Erst mal die berufliche Seite: die hat mich dieses Jahr besonders beschäftigt. Viel Stress, viel Chaos, viel alltäglicher Wahnsinn. Mit einigen Erfolgsmomenten zum Jahresende hin, und etwas mehr Entspannung… ich hoffe, das setzt sich nächstes Jahr fort. Diesmal habe ich auch gemerkt, wo meine Grenzen liegen, und dass mir die 45 Stunden auf Dauer doch arg zugesetzt haben. So gesehen bin ich froh, dass ich mittlerweile deutlich weniger arbeite.

Privat war 2009 ein ungewöhnliches Jahr. Zuallererst: ich hab im Januar eine Frau kennengelernt, die ich unheimlich gern habe. Wenn wir zusammensitzen, habe ich das Gefühl als wäre das völlig selbstverständlich, und wir wären schon seit frühen Schulzeiten die besten Kumpels. Wenn du das hier liest: danke, dass du für mich da bist!

Ansonsten das typische, sich jährlich wiederholende Gefühlschaos: hier verliebt, da enttäuscht, wiedermal unheimlich peinliche Dinge getan, wiedermal nur Sachen gefunden von denen man gar nicht wusste dass man sie suchen sollte…

Und Abschiede. Mit meinem 28ten Geburtstag habe ich auch den SMJG Stammtisch verlassen, weil ich somit über die Altersgrenze rutsche. Ja, ich hab mit BDSM zu tun, und es ist bezeichnend dass ich darüber wie selbstverständlich rede wie ich den Stammtisch verlasse, aber nicht wie ich ihn betreten habe. Die letzten drei Jahre dort waren für mich ungeheuer wichtig, und haben mir geholfen mit mir selbst deutlich besser im Einklang zu leben. Das einzige was ich schade finde, ist dass ich auf persönlicher Ebene auf dem Stammtisch (fast) nichts mitnehme. Es schmerzt ein bisschen, dass mich niemand auf dem Stammtisch vermissen wird. Aber gut, auch das war eine wertvolle Erkenntnis: auch da liegt nicht wirklich mein Glück.

Ich hab vor ein paar Tagen mal alte E-Mails gewälzt… Briefwechsel mit einer Klassenkameradin, und ein paar andere Schriftstücke, die schon mehrere Jahre alt sind. Teilweise ist es schon erstaunlich, wie wenig sich geändert hat: der selbe Kummer, die selben Freuden.

Trotzdem ist dieses Jahr irgendwie anders. Ich bin zum Beispiel zum ersten Mal in meinem Leben richtig eifersüchtig, und ich wurde zweimal tief gekränkt. Das klingt erstmal nicht so positiv, aber ich glaube, dass ich Ärger nicht mehr so leicht runterschlucke wie früher, und dass ich meinen Gefühlen eher freien Lauf lasse. Vielleicht hat mir das vorher gefehlt, vielleicht ist man es den Menschen die man mag auch manchmal schuldig, dass man ihr Verhalten scheiße findet. Auch da hat mich meine neue, gute Freundin einen wichtigen Satz gelehrt: “Lache bitte niemals über meine Witze, nur weil ich eine Frau bin.” Da steckt viel dahinter, was mir anfangs gar nicht so bewusst war.

Ich hab keine Ahnung, ob ich wirklich klüger, oder wenigstens anders, aus dem Jahr 2009 rausgehe wie aus dem Jahr 2008. Vielleicht eine Spur gelassener.

Zum Abschluss noch ein kurzer Kommentar zur Politik: wenn uns eins das Jahr 2009 gelehrt hat, dann dass es unheimlich schwer ist, dazuzulernen. Die Finanzkrise ist über uns hinweggefegt ohne dass jemand wirklich was draus gelernt hätte, und der Weltklimagipfel in Kopenhagen genauso. Und was für die Diplomaten und Manager dieser Welt gilt, gilt genauso für jeden von uns: sich selbst wirklich zu ändern, selbst in kleinen Schritten, ist viel anstrengender als man es sich vorstellt.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Sommer des Wahnsinns

Wenn ich die Zeit von April bis Oktober diesen Jahres zusammenfassen wollte, fällt mir partout kein besserer Begriff ein als: “Sommer des Wahnsinns”. Da waren einerseits ein paar private Turbulenzen… aber eigentlich war das bestimmende Thema die Arbeit.

Kurz gesagt ist im April diesen Jahres die Wirtschaftskrise bei uns eingeschlagen. Das alleine wäre noch nicht so schlimm gewesen – aber was dann folgte, war panischer, kopfloser Aktionismus. Erst wurde in unserem Projekt zusätzliche Samstagsarbeit verordnet – in der Hoffnung, mit dem schneller fertig werdenden Produkt schnell wieder Geld reinzuholen. Ein paar Wochen später wurde das Budget eingefroren, wenig später dann Kurzarbeit angekündigt… anschließend sämtliche Verträge mit Fremdkräften gekündigt.

Mindestens zwei Monate war an Arbeiten nicht mehr zu denken: die einen mussten ihre Überstunden abbauen, die anderen wurden vorzeitig aus dem Projekt rausgezogen, die dritten schauten sich mittlerweile nach neuen Jobs um. Erst als sich wieder in der Führungsetage rumgesprochen hatte, dass die meisten Projekttermine aufgrund mangelnden Personals erst am Sanktnimmerleinstag fertig werden würden,  wurde die Kurzarbeit Stück für Stück aufgelöst, und möglichst viel Personal wieder rückgeführt. Aber auch jetzt noch läuft die Arbeit auf Sparflamme: wichtige Fachkräfte sind uns über Nacht einfach abhanden gekommen, und sind derzeit kaum zu ersetzen.

Was mich am meisten schockiert hat, war diese vollkommene Planungslosigkeit. Monatelang sind alle Mitarbeiter – egal ob Angestellter oder Führungskraft – kopflos durch die Gegend gerannt, völlig unfähig angemessen zu reagieren. Meine Abteilung, der ich bereits zu Studienzeiten zugeteilt war, ist von einem Tag auf den anderen komplett (und ohne Vorwarnung) verschwunden. Wir wurden dann anderen Abteilungen, die ebenso über Nacht gegründet wurden, dann neu zugeteilt.

Ironischerweise habe ich durch dieses Tohuwabohu eher profitiert: ich habe heute einen festeren Arbeitsplatz als noch im April, bin genau in dem Bereich wo ich hinwollte, und konnte die Zeit nutzen, um gewisse Dinge umzusetzen zu denen ich in einem normalen Terminplan vermutlich nie die Chance gehabt hätte. Viele Kollegen hatten nicht so viel Glück, und es wird noch viel Zeit vergehen, bis der Scherbenhaufen einigermaßen aufgeräumt ist.

Das ist trotzdem noch Jammern auf hohem Niveau: praktisch alle haben noch ihren Job, und die Firma steht noch. Wir haben die Krise deutlich besser überstanden als viele andere Firmen. Aber zu sehen wie ein ganzer Standort in Schockstarre verfällt… das war schon eine bizarre Erfahrung. Selbst für die ältesten Mitarbeiter die ich kenne war das etwas nie Dagewesenes.

Samstag, 30. Mai 2009

Ruhe

Der Begriff musste erst noch erfunden werden: “Betriebsruhe”. Darüber hat man sich bei uns in der Firma durchaus die Köpfe zerbrochen, denn “Zwangsurlaub” klang ein wenig harsch, und eine Betriebsschließung ist es nicht.

Fakt ist: ein nicht gerade kleiner Teil des Standorts steht seit heute still. Drei Wochen Freizeit – zusammengesetzt aus Urlaubstagen und Überstundenpauschalen – sollen dafür sorgen, dass die Leute ihre freie Zeit vor allem dann nehmen, wenn es ohnehin nichts zu arbeiten gibt.

Für mich ist das ironischerweise ein Glücksfall. Seit gut einem Jahr habe ich keinen richtigen Urlaub mehr gehabt, und es gab so viel Arbeit, dass es sogar für bezahlte, flächendeckende Samstagsarbeit gereicht hat. Und wir hätten wahrscheinlich auch noch weiter gemacht, wenn nicht von weit höherer Ebene diese Zwangspause eingerichtet worden wäre.

So sind wir jetzt ganz automatisch gegen diese künstliche Barriere gelaufen, und müssen – dem Himmel sei Dank – jetzt endlich Urlaub machen, und mit dem alten Projekt abschließen.

Und ich merke auch, wie Stunde um Stunde die Anspannung von mir abfällt. Solange es andauert merke ich das meist nicht, aber sobald es nachlässt, merke ich wie sehr das alles an meinen Nerven gezehrt hat.

Trotzallem bin ich froh. Die letzten zwei Wochen waren sehr produktiv, und wir haben gute Vorarbeit geleistet, um es das nächste mal besser zu machen. Warum alte Fehler wiederholen, wenn es noch so viele neue zu machen gibt? ;-)

Ich denke, das nächste halbe Jahr wird deutlich entspannter. Vieles spricht dafür. Und ich gebe zu: dass in diesen schwierigen Zeiten für mich auch noch eine Gehaltserhöhung rausgesprungen ist, macht mich auch ein Stück weit stolz.

Montag, 11. Mai 2009

Vergessen

Ich hatte heute einen bizarren Moment der Klarheit. Ich saß heut morgen trantütig an meinem Arbeitsplatz (Montage, insbesondere die frühen Stunden sind nicht meine Stärke), und schaute den Code an an dem ich jetzt schon eine Weile rumschraube.

Irgendwas seltsames fiel mir darin auf, und ich suchte in Google nach einem passenden Artikel… und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz.
Ich will hier nicht auf Details eingehen, aber mir fiel plötzlich eine Lösung ein, die eine Menge von meinem mühsam hingefrickelten Code mit drei Zeilen erschlagen würde – und das wesentlich mächtiger, flexibler und komfortabler als ich es je selber hinkriegen würde.

Das alleine wäre nicht ungewöhnlich, sowas passiert schon öfters mal. Was seltsam daran war, dass ich diese Lösung schon mal gesehen hatte. Ungefähr vor einem Jahr, als ich mich mit dem Thema beschäftigt hatte. Ich hatte mir das damals angeguckt, und auch ausprobiert. Ich hab nur vergessen, die logische Konsequenz daraus zu ziehen. Ich hab mir dann eine Behelfslösung gestrickt die so einigermaßen funktionierte. Rückblickend gesehen muss ich da geistig umnachtet gewesen sein.

Hätte ich das damals gepeilt, hätte ich mir – und einigen anderen – ein paar Wochen Arbeitszeit und viel Ärger im vergangenen Jahr erspart. Für eine gute halbe Stunde saß ich wie paralysiert da, bis ich dann anderen von meiner Erkenntnis berichtete.
Niemand legt mir das negativ aus (die sind ja schließlich auch nicht auf die richtige Lösung gekommen), aber die Tatsache dass ich die Antwort schon in den Händen hatte, und einfach ignoriert habe… das irritiert mich gerade zutiefst.

Was habe ich denn noch so alles vergessen, was eigentlich wichtig wäre?

Donnerstag, 26. März 2009

Die Krise

So, jetzt ist es endlich soweit. Die Krise hat auch uns erreicht. Noch gar nicht so sehr finanziell als emotional. Die Stimmung auf Arbeit ist spürbar gedrückt, und man merkt dass so langsam die Angst in die Knochen schleicht.

Das ist wahrscheinlich das was am ehesten zusetzt: die Ungewissheit, die Unsicherheit, die "Angst vor der Angst" von der eine sehr beeindruckende Frau viel erzählen könnte (wo ist sie eigentlich? Ich hoffe, ihr geht es mittlerweile besser).
In meinem Fall kommt noch dazu, dass alle Projekte außenrum eingestampft werden, nur unseres nicht. Auf einigen Fluren herrscht mittlerweile gespenstische Leere. Denn wir sind ein "Innovationsprojekt", auf uns setzt die Unternehmensführung ihre Hoffnung. Unsere wichtigste Produktlinie wird durch diese Software in den nächsten 15, 20 Jahren dominiert werden. Nur: wir sind uns ziemlich sicher, dass wir in einer Sackgasse stecken. Das wussten wir schon vor der Krise, aber jetzt ruhen alle Hoffnungen auf uns - und das beruhigt mich nicht gerade.

Die Anspannung ist entsprechend derzeit fast unerträglich. Tiefster Zynismus macht sich breit, obwohl bisher ja niemand von uns Federn lassen musste.

Ja, ich geb zu: ich hab Angst. Ich glaube, das ist zur Zeit auch durchaus angebracht. Auf der anderen Seite ist das möglicherweise die Art von Sturm aus der man gestärkt zurückkehrt - sofern man ihn übersteht.

Eine gute Sache hat das alles: man rückt zusammen. Ich hab heute mit einer Kollegin ein recht herzliches Gespräch geführt, mit der ich mich eigentlich unheilbar verkracht hatte. Ein Jahr lang sich aus dem Weg gegangen, aber Gemeinsamkeiten (und seien es gemeinsame Sorgen) verbinden halt doch.

Samstag, 7. März 2009

Geheimnisse

Mit 18 Jahren hat mich ein bestimmtes Ereignis (Cherchez la femme...) zu der Überzeugung gebracht, das Geheimnisse schlecht sind, und vermieden werden sollten. Nach einigen negativen (aber zugegeben einigen auch zutiefst positiven) Versuchen immer die Wahrheit zu sagen hab ich festgestellt, dass das so nicht durchführbar ist. Viele Menschen fühlen sich auf den Schlips getreten, wenn man allzu direkt ist. Also modifizierte ich meinen Entschluss ein wenig: ab jetzt wollte ich zumindest nicht mehr lügen. Meine Regel war:

"Wenn jemand die Frage kennt, verdient er auch die Antwort." Sprich: wenn jemand explizit nachfragt, ist er vermutlich schon so weit auf die Antwort gefasst dass er auch damit umgehen kann.

Das hielt erstaunlich lange - bis ich voll ins Arbeitsleben eingestiegen bin. Das war auch etwas, was mir die erste Zeit unglaublich auf den Magen geschlagen hat: dass ich lügen muss, um anderen Leuten nicht auf die Füße zu treten, und die eigene Gruppe nicht zu gefährden. Aber auch privat gibt es immer noch viele Dinge, um die ich ein Geheimnis mache, auch wenn mir das Magenschmerzen bereitet. Z.B. von meinem Stammtisch und allem was sich darum dreht wissen auch heute nur ein paar gute Freunde und Kollegen - und auch die reagieren sehr unterschiedlich darauf.

Warum eigentlich? Weil es viel schwerer ist mit der Wahrheit umzugehen, als man anfangs denkt. Früher habe ich darüber den Kopf geschüttelt, mittlerweile respektiere ich es. Jeder Mensch kommt irgendwann mal an seine Grenzen. Auch ich.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Ode an die Germanisten

Ich saß heute in einem Meeting, in dem wir ernsthaft darüber gestritten haben ob eine Methode jetzt mit einem Substantiv oder einem Verb bezeichnet werden sollte.

Die meisten fragen sich wahrscheinlich erstmal: ist das wirklich wichtig? Und dann: muss man darüber wirklich diskutieren?

Ja, es ist wichtig, und nein, eigentlich sollte man darüber nicht diskutieren müssen. In dem Fall ist es nur eine kleine Sache, aber mich beschleicht immer wieder das Gefühl: was uns wirklich auf Arbeit fehlt, ist ein Gespür für Ästhetik. Viele Techniker schauen sich den Verhau an, zucken mit den Schultern und sagen: "Hauptsache, es funktioniert!"

Um das mal zu verdeutlichen, stellen wir uns mal vor wir würden ein Haus bauen. Der Keller wird ausgehoben, die Drainage gelegt, der Kellerboden gegossen, und das Grundgerüst hochgezogen.

Wenn jetzt bereits die Rohrleitungen um drei Ecken herum gebaut wurden, der Beton fleckig ist, und die Stützen teilweise viel zu nah beieinander stehen, wäre es vielleicht noch möglich da ein Haus zu bauen, aber der pure Anblick eines solchen Baus wäre schon schmerzhaft.

Was wir brauchen, sind Geisteswissenschaftler, die sich bereits die Pläne für ein Projekt anschauen, und angewidert das Gesicht verziehen sobald ihnen was unangenehmes auffällt. Wir brauchen Germanisten, die die Pflichtenhefte durchwühlen und jede Sprachschluderei rot anstreichen.

Denn genau diese Unklarheiten machen einem später das Leben schwer, und führen zu Missverständnissen. Und wer schon in den Fundamenten schludert, riskiert später einen Einsturz. Nicht alles lässt sich rational einschätzen: ein guter Instinkt dafür wenn etwas nicht harmonisch ist, ist wichtiger als die technische Umsetzung.

Insbesondere Germanisten und Philosophen werden gerne belächelt, weil sie eine scheinbar so brotlose Kunst verfolgen. Dabei hätte insbesondere die Softwareentwicklung solche Leute bitter nötig. Und zwar im Architekturteam, und nicht in der Doku.

Montag, 2. Februar 2009

Mit 25 alles erreicht

Gestern habe ich aus Langeweile mal auf Google nach ein paar alten Schulkameraden gesucht. Manche Menschen hinterlassen ja eine sehr breite digitale Spur, manche wiederum überhaupt gar nicht. Eine Schulkameradin - nennen wie sie mal "S." - hat eine ungewöhnlich dünne Spur. Tatsächlich ist dies das erste Lebenszeichen was ich von ihr seit acht Jahren sehe.

Die Geschichte von S. geht etwa so:
Sie ist blond, attraktiv, hochintelligent, ausgesprochen feminin, erzkatholisch, und sie weiß was sie will. Sie schnappt sich einen attraktiven, aber längst nicht so dominanten Kerl, und macht Lebenspläne. Heiraten, Kinder kriegen, und eine logopädische Praxis eröffnen - und das um jeden Preis in dem Dorf in dem sie aufgewachsen ist. Sich von den Eltern zu entfernen ist für sie undenkbar, von ihren alten Jugendfreunden erst recht.

Sie absolviert das Abi als eine der besten im Jahrgang, studiert, heiratet ihren Freund, schließt ihr Studium als Jahrgangsbeste ab, und eröffnet eine Praxis in ihrem Geburtsort - und das mit 25.

Einerseits schockiert es mich, wie eine so starke Frau so sehr unter ihren Möglichkeiten bleiben und sich gegen jede Veränderung wehren kann, und damit offenbar auch noch glücklich ist. Andererseits: mache ich es wirklich besser? Ist meine Perspektive wirklich so viel rosiger? Werde ich nicht vielleicht auch noch in zwanzig Jahren als kleiner Entwickler hier rumsitzen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur dass der Gedanke mich wahnsinnig machen würde, wenn jahrelang alles im Leben nach Plan laufen würde.