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Sonntag, 19. Februar 2012

Schamanismus und ich

Wer mich kennt, weiß dass ich mit Religion und Mystik so meine Probleme habe. Ich halte Spiritualität für wichtig, glaube aber dass damit viel Schindluder getrieben wird.
Aber: ich hab in den letzten Monaten etwas erlebt, was ich vorher wahrscheinlich als Blödsinn abgetan hätte.

Ich habe – sowohl aktiv als auch passiv – an sogenannten Systemaufstellungen, insbesondere an Familienaufstellungen teilgenommen. Grob zusammengefasst: jemand versucht die Lösung zu einem konkreten Problem zu finden, und sucht sich dafür aus einer Gruppe von Menschen Stellvertreter für zentrale Personen oder Aspekte die mit diesem Problem zu tun haben. Dann lehnt man sich zurück, und schaut wie die Stellvertreter aufeinander reagieren.

Und was dann passiert, würde man in bestimmten Religionen als “Beseelung”, als “Körperwanderung” oder im Sinne vieler New-Age Bewegungen als “energetische Verbundenheit” bezeichnen: die Stellvertreter beginnen, von Gefühlen zu erzählen die nicht zu ihnen gehören, über Details zu reden die sie nicht kennen können.

Ich glaube nicht an Magie oder Gedankenübertragung. Ich glaube, dass es eine viel trivialere Erklärung hier gibt, die aber – auch und gerade für mich – sehr wohl erstaunlich und wichtig ist. Ich glaube, Menschen sind viel, viel, VIEL empfindsamer als man ihnen das zutraut. Ich habe selbst gespürt, wie in diesem Raum verschiedene Gefühle kreuz und quer von Platz zu Platz sprangen, und wie jeder Teilnehmer im Raum sich fast unmerklich in die richtige Stelle der Geschichte einfand.
Ich glaube, es ist eine Form von Gruppenintelligenz: die Reaktionen des Aufstellers werden von der Gruppe unterbewusst aufgenommen, und was für die Einzelperson schwer zu deuten ist, kristallisiert sich dann in der Gruppe heraus. Was ein einzelner Mensch mit guter Menschenkenntnis sich mühsam konstruieren kann, wird in der Gruppe plötzlich vergleichsweise leicht.

Diese Erfahrung hat mir viel zu Denken gegeben. Die ganze Geschichte hat etwas von Schamanismus. Vor meinem geistigen Auge ist da dieses Bild von dem steinzeitlichen Stamm, der geleitet vom Schamanen im Zelt sitzt und regelmäßig diese geistige Harmonie übt. Selbst für mich im 21ten Jahrhundert war das eine beeindruckende, zutiefst emotionale Erfahrung – was, wenn der Schamane dazu noch ein paar spezielle Kräuter ins Lagerfeuer wirft? Schwer vorstellbar (und wohl auch nicht nachahmenswert), was manche Menschen wohl unter solchen Umständen wahrgenommen haben. Wer bis dahin nicht an Übernatürliches glaubt, tut es danach. Das ist eine Erfahrung, die ganz klar weit über die Körpergrenzen hinaus zeigt.

Mir hat diese Erfahrung viel Hoffnung und Zufriedenheit gegeben. Zum einen, weil ich gemerkt habe dass Menschen wirklich in der Lage sind, die Gefühle von Mitmenschen (in diesem Fall ja sogar wildfremde) wahrzunehmen. Es stimmt, dass keiner von uns eine Insel ist, man muss es nur zulassen. Uns verbindet viel mehr, als uns bewusst ist.
Zum anderen, weil es offenbar immer noch Dinge in der Welt gibt, die mich wirklich staunen lassen. Es gibt immer noch so viel zu lernen, so viele Geheimnisse die noch entdeckt werden wollen.

Dienstag, 1. März 2011

Schneller und schneller

Hat außer mir jemand grad mal wieder das Gefühl, dass die Erde wieder einen Gang hochgeschaltet hat, und sich wieder etwas schneller dreht?

Ich musste vor ein paar Wochen an meine Schulzeit denken. An die dicken Kapitel über die französische Revolution: mit den Bildern von der berühmten Guillotine, die Zitate (“Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch mehr Kuchen”), und den zentralen Figuren der damaligen Zeit.

Das war vor über zweihundert Jahren, und einer der zentralen Momente Europas. Was wäre wohl im Europa des 18. Jahrhunderts los gewesen, wenn alle in Echtzeit über YouTube und Twitter zugeschaut hätten, wie die Königsfamilie geköpft wird?

Aber ich denke, das Tempo nimmt zwar zu – aber nicht überall gleichmäßig. Ich hab heute einen Artikel auf Spiegel Online gelesen, der sich damit beschäftigt was wohl mit Guttenberg zu Zeiten Kohls passiert wäre: wohl gar nichts. Damals wäre die Sache zurück an die Uni gegangen, die hätten sich mit der Analyse der Doktorarbeit ein paar Jahre Zeit gelassen, und danach hätte es keinen mehr interessiert. Diesmal hat es zwei Wochen gedauert, bis die Netzgemeinschaft das Schriftstück akribisch in alle Einzelteile zerlegt und analysiert hat – schnell genug, um bei so einem komplexen Thema noch zeitnah reagieren zu können.

Ich glaube, die Gruppendynamik nimmt gerade zu. Die neuen Medien beschleunigen den Prozess noch zusätzlich, aber viele Gesellschaftsschichten entdecken so etwas wie eine Schwarmintelligenz – dass man auch mit relativ flachen Hierarchien in kurzer Zeit große Dinge auf die Beine stellen kann. Ich bin gespannt, wohin das noch geht. Das Jahr ist ja noch relativ jung.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Rückblick 2010 – Die Welt da draußen

Ich fand 2010 ein enorm spannendes Jahr. Nicht weil sich so viel verändert hätte… sondern weil es viele Ereignisse gab, die einen dazu bewegten – ja, geradezu zwangen – sich zu entscheiden, auf welcher Seite man stehen möchte.

Die europäische Frage

Klar: die Wirtschaftskrise in 2009 ging auch viele Menschen sehr direkt etwas an. Aber das ist eigentlich nichts worüber es sich zu diskutieren lohnt: Krisen sind immer schlecht. Man kann darüber diskutieren wer die Schuldigen waren, aber es gibt kein Für und Wider.
Ganz anders in der Griechenland- und später Irland-Krise. Die zentrale Frage letztendlich ist: wollen wir unseren Nachbarstaaten in Krisenzeiten helfen, oder nicht? Ist es überhaupt sinnvoll sich so helfen zu lassen, oder beißt man die Zähne zusammen und schafft es aus eigener Kraft wieder raus? Klar: bei einer Flut schleppt man immer gerne Sandsäcke, aber ist man auch bereit, finanziell für den anderen den Kopf hinzuhalten? Das ist für uns für Deutsche eine ganz existenzielle Frage, weil unser Wohlstand nun mal langfristig auch darauf zurückgeht, dass wir die meisten unserer Produkte in die restlichen EU Staaten verkaufen.
Die Frage hat sich mittlerweile nahezu selbst beantwortet. Auf Arbeit nennen wir so was spaßhaft “die normative Kraft des Faktischen”: es wird zum Gesetz, was eh schon die Regel ist. Ob Euro oder nicht, ob EU Ministerien oder nicht: in Europa sitzen wir letztendlich doch alle in einem Boot. Das hat die Finanzkrise unmissverständlich klar gemacht.

Die Protestwelle

Es gab ja nicht nur die Castortransporte und Stuttgart21, wo massenweise die Menschen auf die Straße gegangen sind. Egal ob irgendwelche Lohnkürzungen oder Bauprojekte: es scheint so, als wären die Menschen nicht nur wütend, sondern sehen den offenen Protest auch als sinnvolles politisches Mittel. Das war vorher nicht so: da haben sich auch viele aufgeregt, aber es hat keine solche Eigendynamik bekommen.
Natürlich wird da viel politisch instrumentalisiert. Aber ich kann aus eigenem Eindruck sagen: die Grünen z.B. sind natürlich gerne auf diesen Zug aufgesprungen, aber sie haben ihn nicht gestartet. Die haben teilweise erst viele Wochen zu spät überhaupt begriffen, dass man da ja vielleicht mitmachen sollte.
So gesehen ist es schon merkwürdig, was da draußen passiert. Ist es nur ein Strohfeuer? Wächst hier eine neue Form von Basisdemokratie, oder gar eine neue Form der gegenseitigen Totalblockade? So oder so: man kommt heute kaum darum herum, eine Meinung zu haben, und diese auch zu verteidigen.

Klimagipfel von Cancún

Es ist eigentlich nur eine Randnotiz dieses Gipfels, die wohl kaum einem aufgefallen ist. Und doch wird sie wohl in den Geschichtsbüchern stehen: dies ist der erste UN Gipfel, wo ein internationales Papier ausgehandelt wurde, ohne dass alle Staaten zugestimmt hätten. Normalerweise müssen alle großen UN Beschlüsse einstimmig sein – weltweit. Diesmal gab es eine Gegenstimme von Bolivien, die aber schlicht von der mexikanischen Außenministerin ignoriert wurde – und auch sonst von der gesamten Staatengemeinschaft. Was sich nach einer Bagatelle anhört, ist die diplomatisch dramatischste Veränderung in der UN seit dem zweiten Weltkrieg. Frei nach dem Motto: es gibt wichtigeres als staatliche Einzelinteressen. Wo gehobelt wird, fallen Späne.
Das hat natürlich gute wie schlechte Konsequenzen, aber es ist ein wichtiger Schritt hin zu der Erkenntnis, dass wir es hier mit ernsten globalen Problemen zu tun haben, die wichtiger sind als jedes diplomatische Protokoll. Der Gipfel selbst war vielleicht kein besonderer Erfolg, aber Espinosas Engagement wird definitiv Geschichte schreiben.

WikiLeaks

Natürlich gab es schon vor WikiLeaks große Enthüllungsgeschichten. Interessanter als die (wenig überraschenden) Erkenntnisse aus den Irak-Krieg Protokollen und Diplomatendepeschen fand ich die Reaktion auf WikiLeaks: dieser krampfhafte Beißreflex, dieser völlig unreflektierte Umgang mit der Öffentlichkeit – und wie kläglich das US-Außenministerium im Endeffekt bei der Eindämmung versagt hat.
Ich habe schon das letzte Jahr darüber fabuliert, wie politische Interessen sich in Zukunft vor allem über das Internet organisieren werden – hier haben wir ein Beispiel dafür, wie so etwas eskalieren kann. Unglaublich, was da von angeblich zivilisierten Menschen gehört hat: Julian Assange soll lebenslang bekommen, am besten die Todesstrafe für Hochverrat.
Man muss den Vandalismus von der “Anonymous” Gruppe nicht gut finden, aber ich musste schon schmunzeln, mit welcher Leichtigkeit hier alle politischen und wirtschaftlichen Schwergewichte abgewatscht wurden. Wem es bis heute nicht klar war, sollte es jetzt gelernt haben: das Internet vergisst nicht. Zumindest nicht die unterhaltsamen Dinge.

Das waren also ein paar Punkte, die mir 2010 besonders hängen geblieben sind, und die – in ihrer eigenen Art – alle irgendwie eine Form von Meilenstein darstellen. Viele Nachrichten wiederholen sich jedes Jahr: Naturkatastrophen, politische Skandale, Stars und Sternchen… aber es gibt wenige Ereignisse, wo man von einem “Bruch” in der Geschichte sprechen kann, von einem neuen Zeitalter. Momente, wo man das Gefühl hat dass die Spielregeln leicht geändert wurden. Ich glaube, dass 2010 so ein markantes Datum war.

Samstag, 16. Oktober 2010

Sieg der Unvernunft

Für folgendes Experiment braucht man vier Zutaten: eine schwarze Katze, Schokolade, eine Flasche Wein und eine gute Serie auf DVD (in diesem Fall: Friday Night Lights).

Es wird ja immer gepredigt, dass 90% unserer Kommunikation non-verbal ist… aber so wirklich verstehen tut man das wohl erst unter Alkoholeinfluss. Handlungsstränge im Fernsehen sind plötzlich nicht mehr Worte, sondern einfach nur noch Gefühle: Eifersucht, Angst, Wut, Verzweiflung… nach einer Weile kann ich nicht mal mehr sagen, in welcher Tonspur ich mir gerade das alles anschaue.

Auch bei meinem derzeitigen Besucher  - einem schwarzen Kater – wird mir das so langsam irgendwie klar. Irgendwie versteht man sich… man gehört zwar völlig unterschiedlichen Spezies an, und hat eigentlich keinerlei gemeinsame Kommunikationsmittel… aber wenn es um das essentielle geht (Einsamkeit, Hunger, Neugier…), da versteht man sich irgendwo.

Was ich damit sagen will: wir ignorieren gerne, wie essentiell Gefühle für den Alltag sind. Dass es eben keine Beziehung ohne Lust und Liebe gäbe, dass es keinen beruflichen Fortschritt ohne Ehrgeiz und Neugier gibt, dass es kein harmonisches Zusammenleben ohne Empathie und Moral gibt.

Es gibt wenig heute, wo es gesellschaftlich akzeptiert ist, sich emotional auszudrücken. Früher war dafür vor allem die Religion da, heute ist es vorwiegend der Alkohol, der einem eine enthemmte Gefühlswelt erlaubt. Irgendwo hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass wir rationale Wesen sind – was für ein fataler Irrtum!

Im Endeffekt müssen wir uns an die Vorstellung gewöhnen, dass kein Mensch mit Argumenten zu überzeugen ist, sondern einzig und allein mit Gefühlen.

Mit anderen Worten:

Wenn Du ein Schiff bauen willst
dann trommle nicht Männer zusammen,
um Holz zu beschaffen und Arbeit einzuteilen,
sondern lehre die Männer die Sehnsucht
nach dem weiten endlosen Meer.
Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944)

Samstag, 10. April 2010

Hygienisch rein

Eigentlich wollte ich einen Beitrag über Ernährung schreiben. Seitdem ich ein Buch über die Lebensmittelindustrie gelesen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen dass ich wahrscheinlich zu viel Kohlehydrate und vorallem zu viel Fertigkost esse. Auch Jamie Oliver’s Food Revolution passt da einfach in die Zeit – viele Menschen haben offenbar das Bedürfnis, die eigene Gesundheit zu verbessern.

Das ist erstmal keine wirklich neue Erkenntnis. Jeder von uns weiß wohl, dass wir von einer wirklich guten, ausgewogenen Ernährung weit weg sind. Was ich interessanter finde, ist wie sich Fertigwaren in der Form überhaupt durchsetzen konnten. Kochen zu können war vor wenigen Jahrzehnten noch eine Selbstverständlichkeit – heute gilt es als Lifestyle, als etwas was man sich leistet wenn man sich was gutes tun will.

Ich habe da einen Verdacht. Zu Kochen ist etwas, wobei man sich die Hände schmutzig macht – wo man zwangsläufig mit dem in Berührung kommt was später im Magen landet. Selbst bei größter Sorgfalt bleibt bei der Zubereitung halt doch noch im Gemüse ein paar Reste der Erde hängen, oder Teile von Blättern und Stängeln die eher schwer verdaulich sind.

Ich glaube, viele Menschen ziehen Fertigwaren vor, weil sie sich dabei nicht die Hände schmutzig machen. Okay, das Essen hat dann zwar miese Nährwerte – aber wenigstens ist es hygienisch sauber.

Es gibt auch noch andere Beispiele dafür. Ich weiß z.B. von einer Freundin, dass kein Mädchen im Schulsport es sich heute noch leisten kann, nicht die Bikinizone zu rasieren. So weit sind wir schon gekommen, dass Körperbehaarung als unhygienisch gilt.

Ich habe den Verdacht, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr zu einem völlig überzogenen Gefühl von Hygiene strebt, als wollte man die Existenz von allem Unreinen – Staub, Schmutz, Schweiß – ein für allemal aus der Welt schaffen. Über die Gründe kann ich nur spekulieren, aber es zeugt auf jeden Fall von keinem gesunden Verhältnis zum eigenen Körper.

Montag, 15. März 2010

Perspektive

Ich hatte vor ein paar Tagen ein spannendes Gespräch mit einem Freund über Erziehung, und mir sind da ein paar Gedanken gekommen die ich hier gerne festhalten möchte.

Es ist natürlich immer einfach, über die Jugend zu lästern. Schon Sokrates hat den moralischen Verfall der Jugend bemängelt. Aber irgendwas scheint trotzdem anders zu sein: vorherige Generationen haben aus Protest heraus die Autorität der Eltern in Frage gestellt. Das war immer ein Auflehnen, ein Reiben an bestehenden Regeln, um sich daran zu messen. Heute scheint es viele Jugendliche schlicht nicht mehr zu interessieren: wenn in der Schule einer Blödsinn treibt und vom Lehrer zurechtgewiesen wird, zuckt er mit den Schultern und sagt: “Na und? Ist doch egal.” Und was noch schlimmer ist: der Lehrer findet darauf keine passende Antwort.

Man kann das natürlich auf die Erziehung schieben, auf die unterbezahlten Lehrer, auf die Medien… aber meiner Meinung nach reicht das als Erklärung nicht. Eltern haben ihre Kinder schon lange vor der Existenz von Erziehungsratgebern großgezogen.

Mein Verdacht ist: diese Generation ist die erste (seit sehr langer Zeit) die in dem Bewusstsein aufwächst, dass egal wie sie sich anstrengt sie vermutlich nie das Lebensniveau ihrer Eltern toppen werden.

Bis zum Ende des kalten Krieges gab es immer einen moralischen Kompass an dem man sich orientieren konnte: sei gebildet, fleißig und ein guter Mensch, dann wird es dir besser gehen als der Konkurrenz.
Natürlich war das eine klischeebeladene Schwarz-Weiß Sicht die heute niemand wieder zurück will – aber sie hat Halt gegeben. Ähnlich wie Religion, die heute auch nicht mehr so recht als Autorität dienen kann.

Kinder und Teenager stehen heute vor einem Dilemma dass in den letzten 20 Jahren immer gravierender geworden ist: warum an sich selbst so hohe Maßstäbe anlegen, wenn das bereits den Eltern nicht geholfen hat?
Das Vertrauen in jegliche Autorität – seien es Eltern, Staat, Kollegen – ist schwer erschüttert.

Deshalb: vergesst Bologna und Pisa. Selbst wenn unsere Schulen unbegrenzte Geldmittel und Personal hätten, könnten sie den Kindern nicht das vermitteln was sie wirklich brauchen: Perspektive.
Wir brauchen einen gesellschaftlichen Diskurs über Moral. Nicht, um den Zeigefinger zu heben und mit dem “früher war alles besser” Dampfhammer zu kommen, sondern um uns selber darüber bewusst zu werden, was wir eigentlich für unsere Gesellschaft wollen. Sobald wir das wissen, haben wir auch eine Chance von der nächsten Generation ernstgenommen zu werden.

Samstag, 20. Februar 2010

2020

Wir schreiben das Jahr 2010… ehrlich? Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich weder fliegende Autos noch Roboter die für mich die Einkäufe erledigen. Haben wir so vor zehn Jahren uns die Zukunft vorgestellt?

Offenbar ist das mit Zukunftsprognosen so eine Sache. Wir neigen dazu, uns die Zukunft als größer, schneller und einfach mehr vorzustellen als unsere Gegenwart. Ich dachte, ich versuche mich mal an meiner ganz eigenen Zukunftsprognose für das Jahr 2020.

Was werden wir die nächsten zehn Jahre zu sehen bekommen? Erstmal die offensichtlichen Trends: Biotechnologie – insbesondere Genetisches Engineering – wird eine ähnlich rasante Entwicklung nehmen wir vor 20 Jahren die Informatik. Es wird eine Weile dauern bis man versteht, wie tiefgreifend das sein wird. Das erste was wir wahrscheinlich sehen werden, sind organische Kraftstoffe, das nächste wird wohl die somatische Gentherapie sein – die auch schon heute erfolgreich eingesetzt wird.

Politisch sehe ich die größte Veränderung im Internet. So allmählich wird das Internet nicht nur als Werbeplattform genutzt, sondern aktiv von Lobbygruppen und politischen Parteien. Die Piraten und Online Petitionen sind nur das erste Anzeichen dafür, dass die öffentliche Meinung mehr und mehr im Internet diskutiert und geformt wird.

Was den Umweltschutz angeht: das Zwei Grad Ziel werden wir selbstverständlich verfehlen. Das ist schon heute unhaltbar.

Zur Wirtschaft: mein Eindruck ist, dass man die Trägheit von Wirtschaftssystemen gar nicht hoch genug einschätzen kann. Uns werden wohl auch in zehn Jahren immer noch die selben Probleme drücken wie heute: Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, teure Rohstoffe, Energieknappheit, Erderwärmung, rechtliche Lücken… ich glaube, dass all das lösbar ist – aber nicht in den nächsten Jahren. Das wird mehr Zeit brauchen, bis sich die Lage wieder entspannt.

Wo wir gerade bei Dingen sind die sich nicht ändern werden: die großen Sprünge bei der Computerhardware sind vorbei. Die Zeiten, in denen sich jedes Jahr die Rechnerleistung verdoppelt, geht ihrem Ende zu. Wir werden im Bereich Software noch jede Menge Überraschungen überleben – aber in erster Linie, weil wir lernen werden besser unseren Computer zu nutzen, und nicht weil er stetig schneller wird.

Religion und Glauben: ich persönlich würde mir ja ein neues Zeitalter des Humanismus und ein starkes Selbstbewusstsein des Atheismus wünschen, aber das wird nicht passieren. Die modernen social Networks dienen in erster Linie als Katalysator: Menschen finden genau die Informationen, die sie in dem bestätigen was sie ohnehin schon glauben. Die Flut an Informationen macht es praktisch unmöglich, zwischen Realität und Fiktion noch zu unterscheiden – und im Endeffekt auch unwichtig. Wahr ist, was gefällt. Und bei all den Problemen in der Welt ist kaum noch Platz für komplexe Antworten.

Jetzt zu den weniger offensichtlichen Prognosen:
In zehn Jahren wird jeder Mensch Videospiele spielen. Und mit “jeder” meine ich: 80% oder mehr. Der Erfolg der Casual- und Social Games (siehe Farmville auf Facebook) ist gewaltig. Und damit werden sie zum wichtigsten Kulturmedium überhaupt werden – noch verbreiteter und bedeutender als Fernsehen und Bücher. Die meisten Menschen nehmen heute Spiele als Zeitvertreib wahr, und nicht etwa als Medium, was eine völlig neue Erzählform darstellt. Ein anderes junges Medium hatte das selbe Problem, und hat nach vielen Jahrzehnten es auch endlich zur Anerkennung geschafft – nämlich das Comic.

Noch eine Prognose: wir werden mehr ortsgebunden sein als heute. Es werden weniger Leute ein Auto haben, es werden immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen, wir werden seltener fliegen, und wir werden unseren Freundes- und Bekanntenkreis wieder mehr in unserer unmittelbaren Nähe haben. Paradox: Internet und Telefon haben die Welt zum globalen Dorf gemacht, aber echte Mobilität werden sich wohl immer weniger Menschen leisten können. Ich fürchte, dieser Trend ist durch die Energiekrise unausweichlich, zumindest mittelfristig.

Wir werden in Zukunft weniger in Stahl und Beton wohnen, als in Holz und Glas. Das ist billiger, gesünder und leichter zu klimatisieren. Wir werden vermutlich deutlich weniger arbeiten – zu geringerem Geld, versteht sich. 30 Stunden Woche ist ja heute schon im Gespräch. Wir werden wohl insbesondere in Deutschland immer weniger Fernsehen – zumindest das klassische Fernsehen ist am Sterben, die Enthusiasten werden vorwiegend Video on Demand nutzen.

Und natürlich wird irgendeine Kleinigkeit unser Leben grundlegend verändern, die sich momentan noch kein Mensch auch nur annähernd vorstellen kann – so wie das Handy.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Fazit 2009

Da ich für die nächste Woche keine umwälzenden Neuigkeiten erwarte, mache ich hiermit mal meinen Jahresrückblick 2009…

Erst mal die berufliche Seite: die hat mich dieses Jahr besonders beschäftigt. Viel Stress, viel Chaos, viel alltäglicher Wahnsinn. Mit einigen Erfolgsmomenten zum Jahresende hin, und etwas mehr Entspannung… ich hoffe, das setzt sich nächstes Jahr fort. Diesmal habe ich auch gemerkt, wo meine Grenzen liegen, und dass mir die 45 Stunden auf Dauer doch arg zugesetzt haben. So gesehen bin ich froh, dass ich mittlerweile deutlich weniger arbeite.

Privat war 2009 ein ungewöhnliches Jahr. Zuallererst: ich hab im Januar eine Frau kennengelernt, die ich unheimlich gern habe. Wenn wir zusammensitzen, habe ich das Gefühl als wäre das völlig selbstverständlich, und wir wären schon seit frühen Schulzeiten die besten Kumpels. Wenn du das hier liest: danke, dass du für mich da bist!

Ansonsten das typische, sich jährlich wiederholende Gefühlschaos: hier verliebt, da enttäuscht, wiedermal unheimlich peinliche Dinge getan, wiedermal nur Sachen gefunden von denen man gar nicht wusste dass man sie suchen sollte…

Und Abschiede. Mit meinem 28ten Geburtstag habe ich auch den SMJG Stammtisch verlassen, weil ich somit über die Altersgrenze rutsche. Ja, ich hab mit BDSM zu tun, und es ist bezeichnend dass ich darüber wie selbstverständlich rede wie ich den Stammtisch verlasse, aber nicht wie ich ihn betreten habe. Die letzten drei Jahre dort waren für mich ungeheuer wichtig, und haben mir geholfen mit mir selbst deutlich besser im Einklang zu leben. Das einzige was ich schade finde, ist dass ich auf persönlicher Ebene auf dem Stammtisch (fast) nichts mitnehme. Es schmerzt ein bisschen, dass mich niemand auf dem Stammtisch vermissen wird. Aber gut, auch das war eine wertvolle Erkenntnis: auch da liegt nicht wirklich mein Glück.

Ich hab vor ein paar Tagen mal alte E-Mails gewälzt… Briefwechsel mit einer Klassenkameradin, und ein paar andere Schriftstücke, die schon mehrere Jahre alt sind. Teilweise ist es schon erstaunlich, wie wenig sich geändert hat: der selbe Kummer, die selben Freuden.

Trotzdem ist dieses Jahr irgendwie anders. Ich bin zum Beispiel zum ersten Mal in meinem Leben richtig eifersüchtig, und ich wurde zweimal tief gekränkt. Das klingt erstmal nicht so positiv, aber ich glaube, dass ich Ärger nicht mehr so leicht runterschlucke wie früher, und dass ich meinen Gefühlen eher freien Lauf lasse. Vielleicht hat mir das vorher gefehlt, vielleicht ist man es den Menschen die man mag auch manchmal schuldig, dass man ihr Verhalten scheiße findet. Auch da hat mich meine neue, gute Freundin einen wichtigen Satz gelehrt: “Lache bitte niemals über meine Witze, nur weil ich eine Frau bin.” Da steckt viel dahinter, was mir anfangs gar nicht so bewusst war.

Ich hab keine Ahnung, ob ich wirklich klüger, oder wenigstens anders, aus dem Jahr 2009 rausgehe wie aus dem Jahr 2008. Vielleicht eine Spur gelassener.

Zum Abschluss noch ein kurzer Kommentar zur Politik: wenn uns eins das Jahr 2009 gelehrt hat, dann dass es unheimlich schwer ist, dazuzulernen. Die Finanzkrise ist über uns hinweggefegt ohne dass jemand wirklich was draus gelernt hätte, und der Weltklimagipfel in Kopenhagen genauso. Und was für die Diplomaten und Manager dieser Welt gilt, gilt genauso für jeden von uns: sich selbst wirklich zu ändern, selbst in kleinen Schritten, ist viel anstrengender als man es sich vorstellt.

Sonntag, 6. September 2009

Die zwei Wahrheiten

Da heute wieder Stammtischnacht war, und wieder ein paar kleine Mosaiksteine zum großen Bild dazu kamen, möchte ich mal die Gelegenheit nutzen um mir eine Sorge von der Seele zu reden…

Was macht man, wenn man zwei völlig gegenteilige Meinungen hört, die beide nur wenig plausibel wirken, aber entscheidend dafür sind wie man selbst gewisse Entscheidungen trifft?

Etwas konkreter: ich hab eine Bekannte, die aus einem Forum aus der Moderation geschmissen wurde. Beide Seiten sind in einer dubiosen Form der Verschwiegenheitserklärung gefangen. Meine Bekannte behauptet dass sie gemobbt wurde, die Gegenseite behauptet die Verschwiegenheit dem gegenseitigen Schutz dient.

Mein Dilemma ist: je nachdem wem ich Glauben schenke, hat das Folgen mit wem ich zukünftig kooperieren will. Ich habe zu diesem “Fall” mittlerweile unzählige Meinungen gehört, und sie alle passen irgendwie nicht zusammen. Ich weiß einfach nicht wem ich glauben soll. Mein Herz schlägt grundsätzlich mal für den Underdog, und ich bin der Meinung dass eine Organisation grundsätzlich mal eher zu schlüssigen Antworten fähig sein sollte als eine Einzelperson, aber: im Endeffekt weiß ich nicht wem ich glauben soll. Dieses Gefühl beunruhigt mich, denn normalerweise fällt es mir leicht, zu einem Thema auch eine Meinung zu haben. Und ich stecke so tief in der Sache drin, dass es mir auch nicht egal sein kann wer Recht hat.

Natürlich hat es bei weitem nicht die selbe Ernsthaftigkeit, aber ich kann gerade nachvollziehen wie wohl viele Gerichtsprozesse laufen. Wie es an einem nagt, wenn man über das Schicksal von jemandem entscheiden muss, ohne je die volle Faktenlage zu kennen.

Sonntag, 19. Juli 2009

Leben in drei Zahlen

Ich hatte gestern Nacht (dank einer guten Freundin) eine dieser sowieso schon seltenen Erleuchtungsmomente. Was aber noch erstaunlicher ist, dass sich diese Erkenntnis ganz locker auf einem Bierdeckel packen lässt:

  • Beziehungstyp: 6 Punkte
  • Sachtyp: 10 Punkte
  • Handlungstyp: 1 Punkt

Eben diese Freundin hat mit mir einen Psychographie Test gemacht, der eben obere Kennwerte ausgespuckt hat. Wichtig ist natürlich was diese Werte bedeuten, und auch wenn ich nicht mehr alle Details hier zitieren kann oder will: nur etwa 3% aller Menschen sind Sachtypen. 3% !! Die große, große Mehrheit dagegen aller Menschen sind Beziehungstypen. Das wirft auf das gesamte Leben, insbesondere auf die Schulzeit ein ganz neues Licht. Und es erklärt im Handumdrehen, was all meine wirklich guten Freunde mit mir gemeinsam haben.

Sehr faszinierend.

Dienstag, 23. Juni 2009

Krieg der Bilder

Jeden morgen nehme ich mir auf Arbeit ein paar Minuten Zeit, um die aktuellsten Nachrichten aus Iran zu verfolgen. Und es ist schon erstaunlich, wie ein einziges Bild, ein paar Sekunden Film heute härter und tiefer ins Bewusstsein einer Nation einschlagen können als eine Bombe. Ich habe die iranischen Demonstrationen für völlig chancenlos gehalten – bis etwa vor drei Tagen.

Richtig bewusst geworden ist mir das erstmals im zweiten Irak Krieg. Damals waren es die Aufnahmen einer GI-Leiche, die von irakischen Aufständischen durch die Straßen geschleift wurden.

Das muss die amerikanische Bevölkerung getroffen haben wie ein Blitzschlag: wir sind verletzlich.
Der zweite Schlag kam wenig später mit Abu Ghureib, und nochmal etwas später mit den Videos von irakischen Heckenschützen (die propagandistisch klever zu einer einzelnen Heldenfigur verschmolzen wurden).

So zynisch es ist, aber dem Iranischen Protest hätte vermutlich nichts besseres passieren können, als eine junge Frau die vor laufender Videokamera stirbt.
Ich hab das Video mir angeschaut, und es gräbt sich tief ins Gedächtnis ein, weil es erstens mal so unvorstellbar real ist, und zum anderen ein perfektes Sinnbild dafür ist worum es in den Protesten geht.

Ich hoffe natürlich, dass dies die Wende bringen wird für das iranische Volk… aber irgendwie komme ich um die Frage nicht herum: was wäre gewesen, wenn nicht gerade jemand zufällig diesen Moment mit der Handykamera aufgenommen hätte? Wäre der iranische Protest still und heimlich niedergeschlagen worden? Und hätten so viele Menschen das Video gesehen wenn es YouTube nicht gäbe?

Eine merkwürdige Zeit ist das, in der eine Handykamera entscheidend für die Zukunft eines Volkes sein kann.

Montag, 27. April 2009

… tausend mal ist nichts passiert

Ich hab heute im Internet die Nachrichten zur Schweinegrippe mitgehört, und mir kam die zugegebenermaßen makabere Assoziation zu einem Tom Clancy Roman, den ich vor Urzeiten gelesen habe… dort verübte eine Terrorzelle einen Biowaffenangriff auf einen Flughafen. Einfach ein kleines Glasröhrchen in die Ventilation geworfen, und das war’s.

So zynisch die Frage sein mag, aber: warum passiert sowas nicht? Wir haben zwischen 6 und 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten, nicht gerade wenige davon mit einem ordentlichen Gewaltpotential. Jeden Tag sterben Menschen durch Gewaltverbrechen, aber der absolute Ernstfall ist bisher immer ausgeblieben.

A propos Ernstfall: auch die normalen Unfälle halten sich doch erstaunlich in Grenzen. Wenn man sich mal so durchliest wieviele Atombomben abgestürzt oder schlicht verschollen sind, und man an die vielen Beinahe-Unfälle mit Flugzeugen und Kraftwerken – und ähnlichen Großanlagen – denkt, passiert doch verdammt selten etwas.

Ich glaube nicht, dass es etwas mit Sicherheit zu tun hat. Perfekte Sicherheit gibt es nicht. Ich weiß das, ich arbeite schließlich in der Qualitätskontrolle. Ganz besonders bei Böswilligkeit gibt es im Endeffekt nichts, was wirklich hilft. Ich glaube auch nicht an Vernunft – wirklich große Dinge entziehen sich schlicht dem Verstand.

Aber ich glaube mittlerweile, dass es sowas wie einen siebten Sinn gibt. Wenn es ums Überleben von vielen Menschen geht, springt irgendwo etwas an was uns zu außergewöhnlichem Scharfsinn bringt. Wie den sowjetischen Kommandanten, der in den 1980ern den dritten Weltkrieg verhindert hat, weil er den eigenen Messgeräten misstraute und seinem Instinkt folgte.

Ich finde, das ist durchaus ein Hoffnungsschimmer. Im Alltag mag regelmäßig unglaublich viel in die Hose gehen, aber offenbar haben wir Menschen insgesamt gesehen doch einen intakten Überlebensinstinkt.

Donnerstag, 5. März 2009

Die Jugend

Ich hab vor zwei Tagen ein Gespräch meiner Kollegen mitverfolgt, in dem sie erst auf das Thema Familienplanung kamen, und in nahezu fliegendem Wechsel dann dazu übergegangen sind über die Jugend zu lästern.
Respektlos sei sie, verwöhnt, schamlos. Sie werden immer früher schwanger und immer schneller gewalttätig. Sie hängen nur noch von dem Computer, und sind faul und nichtsnutzig.

Ich hörte mir das so eine Weile an, und kam mir langsam vor wie im falschen Film. Zuerst einmal: von diesen Kollegen war der älteste gerade mal Mitte 30. Zum zweiten: wie kann man es schaffen, erst übers Kinder kriegen zu plaudern und dann über die Jugend herzuziehen? Wer will den Alltag packen, wenn er bereits vom Zuschauen von der Jugend überfordert ist?

Und wie kann es sein, dass man so schnell vergisst wie es war, jung zu sein? Ich erinnere mich auch nicht mehr an viel, ich weiß nur: es war eine beinharte Zeit, keineswegs so romantisch wie es rückblickend geschildert wird. Und natürlich hatte ich auch keinen Respekt vor meinen Eltern.
Und ich möchte auch nicht, dass meine eigenen Kinder mich respektieren. Wir hinterlassen der nächsten Generation eine furchtbar ungeordnete Welt, und sie haben allen Grund zu glauben, dass sie es besser hinkriegen werden als wir. Ich möchte irgendwann mal zu meinen Kindern aufschauen können, und nicht umgekehrt. Und je früher das passiert, desto besser.

Ich merke das an meiner Nichte recht deutlich. In vieler Hinsicht ist sie aufmerksamer, kleverer und vielseitiger als ich es je war. In 20 Jahren werde ich darüber ächzen wie schnell die Welt sich doch ändert, während sie das Leben mit einem Achselzucken nimmt wie es ist. Und das ist gut so.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Kein Wald vor lauter Bäumen

Aktuelle Geschehnisse führen mich wieder zur der Frage: warum ist es so schwierig einen Partner zu finden?

Mir kam dazu eine vielleicht gewagte These, die ich hier mal breit treten möchte:

Das Problem ist nicht dass es zu wenige Menschen gibt die zu einem passen, sondern zu VIELE. Wir verzetteln uns in der Vielfalt.

Versuchen wir uns mal vorzustellen, wieviele Menschen der Durchschnittsmensch von vor 100 Jahren kannte, und mit wievielen davon er regelmäßig in Kontakt stand. Das Gros der Bevölkerung lebte auf dem Land, Ballungszentren im heutigen Maßstab waren unbekannt. Mobilität und Vermögen waren eher gering, Frauen und Männer hatten kaum Berührungspunkte - weder auf der Arbeit, noch in der Schule, noch im Studium, noch in der Freizeit. Dazu kommen noch soziale Aspekte: Bildung und gesellschaftlicher Stand grenzten die Auswahl weiter ein. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster, und behaupte dass ein Durchschnittsmensch aus dem Jahre 1900 vermutlich in seinem gesamten Leben nur mit ein paar hundert Menschen mehr als ein paar Worte gewechselt hat - mit Menschen des anderen Geschlechts vermutlich nur einen Bruchteil davon. Wer heute dagegen nicht wenigstens hundert Personen in seinem Facebook Profil verlinkt hat, gilt doch schon als Sonderling.

Anders als früher haben wir heute den Eindruck, dass es nahezu unbegrenzt viele Menschen gibt. "Auf jeden Topf passt ein Deckel" - mittlerweile finde ich diesen Spruch schrecklich!
Auch wenn es unzählige Menschen da draußen gibt: keiner von denen ist fehlerfrei. Nicht annähernd. Sich mit anderen Menschen auseinandersetzen ist immer harte Arbeit, und nicht etwa genetische Veranlagung.

Genährt wird dieser Mythos von den Menschen die ein paar Jahre lang tatsächlich liebestrunken in einer "perfekten" Beziehung gelebt haben - um dann über Nichtigkeiten zu stolpern.

Gerade weil es so einfach ist neue Menschen kennenzulernen, ist die Verlockung groß, einfach weiterzuziehen - geradeso als wäre die Liebe eine Lotterie, und nicht etwa harte Arbeit (an sich selbst und zusammen). Da diese Ansicht Allgemeingut ist, sinkt der "Marktwert" der Beziehung immer weiter. Warum sollte ich auf einen einzelnen Menschen so viel Zeit und Kraft verwenden? Was wenn nix daraus wird? Ist es dann nicht besser, möglichst viele heiße Eisen im Feuer zu haben?

Diese Strategie wird durch moderne Medien noch zusätzlich angefeuert. In den unzähligen sozialen Netzwerken und Kontaktbörsen wird jeder Mensch - notwendigerweise - auf ein paar Eckdaten reduziert: Hobbies, Augenfarbe, ein paar Persönlichkeitsmerkmale. Das ist VIEL zu wenig, um wirklich einen Menschen kennen- und schätzen zulernen. Und noch schlimmer: viele Menschen nehmen das als gegeben hin - als ließe sich eine reife Persönlichkeit in zwanzig Schlagwörter pressen.

Natürlich war es in früheren Zeiten auch kein Eitel Sonnenschein. Heirat wurde dort in erster Linie aus finanziellen Gründen und des Nachwuchses wegen vollzogen - von echter Seelenverbundenheit keine Spur.
Aber die Katze ist nunmal aus dem Sack, und zum Wohle der Menschheit schlage ich vor, sich mal über die folgenden zwei Punkte sehr genaue Gedanken zu machen:

  1. Was genau macht mich glücklich?
  2. Wieviel Arbeit und Kompromisse muss ich mindestens investieren um dorthin zu gelangen?

Ich glaube, dass auf die erste Frage die wenigsten Menschen eine klare Antwort haben, und die zweite Frage regelmäßig dramatisch unterschätzt wird.